Der Ober erzählt – Boscolo Blog
„Ich kann mich gut erinnern, es war Mittwochvormittag, alles ruhig. Nur manchmal hat eine vorbeirasende Combino Straßenbahn die Fenster erbeben lassen. Der Großsaal war von einem fast idyllischen Frieden beherrscht, als eine japanische Gruppe um Einlass ins Café bat. Wie aus dem Nichts kamen sie mit ihren unverzichtbaren Fotoapparaten, Kameras, mit ihrem leisen Plaudern und diskretem Lächeln. Sie kamen und klickten fleißig, alles verewigend, was Gold, Marmor, alt und europäisch ist, anders, wie zu Hause gewohnt. Sie sind schon weg, ihre Erinnerung ist aber hier geblieben. Seitdem träume ich manchmal mit Kimonos.“

„Heute habe ich im Salon serviert. Ein Feiertag. Bei solchen Gelegenheiten fühle ich mich, wie ein Dirigent im großen Sinfonieorchester des Gaststättenwesens. Oder lieber wie ein Komponist. Die italienische Menüfolge wie ein gut komponiertes Musikwerk. Aber doch kein Allegro, eher ein Adagio. Bitte essen Sie jeden einzelnen Gang zu Ende, quasi als Andante: als Vorspeise Mortadellaschaum mit Mozarellabrot, und Zwiebelcapuccino mit Puffreis-Entenleber, als Suppe Basilikumcremesuppe mit Büffelmozarella und knusprigen Tomaten, als Hauptspeise Steinpilzrisotto mit Safrankaumagen, und Trüffeln, sowie Hechtbarsch auf Blumenkohlpüree, Capritomate mit Bruscetta, und am Ende das Dessert: Gorgonzola, und Pecorinobirne mit Chutney, Honig und Nussbrot, anschließend Tiramisukaffee mit Granite. Lang anhaltender stürmischer Beifall, Hochrufe, und der Tag war bereits zu Ende."

„Heute habe ich im Restaurant serviert. Eine Riesenmenge von Ausländern, die zu nichts Zeit haben. Sie haben es eilig. Für mich ist das aber kein Hindernis. Her mit der Kostprobe. Ungarische Menüfolge. Von allem ein Bissen. Nur der Reihe nach. Erster Gang: Kalte Gänseleber mit Feigenmarmelade, dann Kohlrabicremesuppe mit Bärenzwiebelschaum. Dann kann das Kaninchenwildbret kommen, und der Gemüsegerstenbrei mit gerösteten Kalbsdrüsen. Von diesen Bissen können sie nicht so leicht satt werden. Sie haben die Menüfolge natürlich auch so nicht zu Ende gegessen, sondern etwas Kraft für das Dessert gespart. Das war richtig, auf dem Programm standen nämlich Steirische Nudeln. Ganz streng, nur ein kleiner Bissen. Auf Ihre Gesundheit.“
